Editionen, Zeugnisse und ein Abschied

Editionen, Zeugnisse und ein Abschied – der letzte Konferenztag

Heute ging die DigiHist2026 schon wieder zu Ende, und der letzte Tag war mit zwei Panels und dem Wrap Up deutlich kürzer als der Marathon am Mittwoch. Dafür gab es zum Abschluss noch einen Stadtrundgang zur Erinnerungskultur in Salzburg, der für mich ein echtes Highlight der ganzen Woche war. Den Morgen habe ich im Hörsaal 380 bei den digitalen Editionen verbracht, nach der Kaffeepause bin ich in den Hörsaal 381 gewechselt, wo es mit dem zweiten Teil des digitalen Holocaustgedenkens um Quellen und Korpora ging, und damit an das Panel vom Vortag anschloss.

Panel 7.1: Digitale Editionen und Textmodellierung

Moderiert wurde das erste Panel des Tages von Lena Oetzel von der Universität Salzburg. Den Anfang machte Jörg Wettlaufer von der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen mit „Manuelle vs. KI-gestützte Textannotation in einem Cultural Heritage Projekt“. Sein Beispiel war das Projekt Blumenbach-online, das von 2010 bis 2025 die Schriften und die umfangreiche Sammlung des Göttinger Naturforschers Johann Friedrich Blumenbach erschlossen hat, auf den übrigens auch der Begriff „kaukasisch“ als Rassenkategorie zurückgeht. Über 1.000 Schriften wurden erfasst und in TEI annotiert, von Blumenbachs Handbuch der Naturgeschichte, einem Standardwerk der Zeit, gibt es allerdings zahlreiche Auflagen, und nur eine davon wurde vollständig von Hand ausgezeichnet. Da das Projekt abgeschlossen ist und keine Mittel mehr hat, stellte sich die Frage, ob Sprachmodelle den Rest übernehmen können. Der erste Versuch, einem Modell einfach eine ganze Ausgabe zu geben, ging eher schief, vor allem in der Mitte des Textes fehlten viele Annotationen. Besser funktionierte es, die Auszeichnungen schrittweise von einer Auflage auf die nächste zu übertragen und das Sprachmodell nur dort neue Annotationen erzeugen zu lassen, wo sich der Text verändert hat. Orte und Personen klappten dabei gut, stärker kontextabhängige Kategorien weniger. Das Fazit war pragmatisch: Gut genug für das Portal, solange klar gekennzeichnet ist, dass die Annotationen automatisch entstanden sind, und durch die Übertragung zudem deutlich günstiger und energiesparender, als alles neu generieren zu lassen. Eine abschließende Kontrolle durch Menschen wäre wünschenswert, ist ohne Projektmittel aber eben nicht mehr möglich.

Danach ging es um Musik, und zwar mit einem Salzburger Thema. Iacopo Cividini, Roland Mair-Gruber und Oleksii Sapov-Erlinger von der Internationalen Stiftung Mozarteum stellten mit „Modellierung historischer Überlieferungen in einer digitalen Musikedition“ das Metadatenmodell der Digitalen Mozart-Edition vor. In gedruckten Ausgaben stehen Notentext und kritischer Apparat weitgehend getrennt voneinander, in der digitalen Edition werden die Befunde dagegen direkt im Notentext verankert und lassen sich dort nicht nur sehen, sondern auch hören. Dafür verbindet die Edition das Kodierungsformat MEI mit dem bibliothekarischen Modell FRBR, das zwischen dem Werk, seinen Fassungen und den einzelnen Quellen unterscheidet. Wie das aussieht, zeigte die Sinfonie in g-Moll KV 550, zu der Mozart nachträglich Klarinettenstimmen ergänzt hat. Beide Fassungen liegen in der Edition in einer einzigen Partitur vor, ohne dass eine davon zur bloßen Abweichung der anderen wird, und man kann mit einem Klick zwischen ihnen wechseln. Besonders gefallen hat mir, dass auch die editorischen Eingriffe sichtbar bleiben: Korrekturen und Ergänzungen werden im Notentext neben der originalen Lesart angezeigt, zusammen mit der Begründung und der Angabe, wer den Eingriff verantwortet.

Den Abschluss bildete „Die Memoiren der Gräfin Schwerin: Erschließung eines einzigartigen Selbstzeugnisses“ von Selina Galka (Universität Graz), Ines Peper und Michael Pölzl (beide Österreichische Akademie der Wissenschaften). Schon die Lebensgeschichte der Autorin ist bemerkenswert: Luise Charlotte von Schwerin, Ehefrau eines Diplomaten am Berliner Hof, trat bei einem Aufenthalt in Wien heimlich zum katholischen Glauben über, löste damit in Berlin einen Skandal aus und verbrachte den Rest ihres Lebens im Exil, wo sie um 1723 ihre Memoiren auf Französisch schrieb. Der Text ist höfische Autobiografie, Konversionserzählung und streckenweise Reisebericht zugleich und erzählt von Patronage und Freundschaften, Reisen, Krankheiten, Kindererziehung und Etikette. Das Original ist verloren, erhalten sind zwei Abschriften. Die zweite wurde erst 2016 entdeckt und war der Anstoß für die neue digitale Edition, denn die beiden Fassungen unterscheiden sich deutlich: Eine ist rund ein Viertel länger, in der anderen wurden konfliktträchtige Passagen gestrichen, was auf eine bewusste Überarbeitung hindeutet. Die Edition stellt beide Abschriften in TEI nebeneinander, bietet eine Lesefassung mit den Varianten und erschließt Personen, Orte und Themen, sodass sich etwa das soziale Netzwerk der Gräfin nachvollziehen lässt. Daneben wurde mit Topic Modeling und Sprachmodellen experimentiert.

In der Diskussion wurde gefragt, ob man die Sprachmodelle nicht auch selbst als Prüfinstanz einsetzen könnte, also den Ansatz „LLM as a Judge“. Das sei überlegt und auch gemacht worden, allerdings mit begrenzten Ressourcen, gern hätte man noch weitere Modelle getestet. Für die Musik kam vom Podium die Ergänzung, dass KI hier noch deutlich hinterherhinkt. Sprachmodelle können zwar inzwischen Musik generieren, aber keine Noten lesen, denn ein einzelnes grafisches Zeichen mit einer bestimmten musikalischen Bedeutung zu verbinden, ist etwas ganz anderes, als ein Bild mit Text zu beschreiben. Das Mozarteum, das nach eigener Aussage über den weltweit größten Bestand an MEI-Daten verfügt, plant deshalb ein europäisches Projekt, um Werkzeuge der Handschriftenerkennung auf Notenschrift zu übertragen. Auf die Frage, warum Lesarten in der Mozart-Edition über eine eher generische Verknüpfung in MEI verbunden werden, kam eine schön ehrliche Antwort: Das sei im Moment eine bequeme Entscheidung, weil MEI dafür noch kein präziseres Vokabular habe. Zur Gräfin Schwerin erfuhren wir noch, dass die deutsche Übersetzung von einer professionellen Übersetzerin stammt und Sprachmodelle dabei höchstens als Grundlage dienten. Und irgendwann war der Wunsch nach Kaffee dann doch größer als der nach weiteren Fragen.

Panel 8.2: Digitales Holocaustgedenken II – Quellen und Korpora

Nach der Pause ging es weiter mit dem zweiten Teil des Panels zum digitalen Holocaustgedenken, moderiert von Anne Klammt vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden. Ging es am Mittwoch noch um Infrastrukturen und Repräsentation, also um Enzyklopädien und Wissensgraphen, standen jetzt die Quellen selbst im Mittelpunkt.

Den Anfang machte „Digitale Erinnerungsgemeinschaften für belastetes Kulturerbe am Beispiel von NS-Lagern und Zwangsarbeit“ von Edith Blaschitz und Eva Mayr von der Universität für Weiterbildung Krems. Da Edith Blaschitz krankheitsbedingt nicht kommen konnte, präsentierte Eva Mayr allein, die selbst nicht aus der Geschichtswissenschaft, sondern aus der Human-Computer-Interaction kommt, was dem Vortrag einen angenehm anderen Blickwinkel gab. An der Erinnerung an Gewaltgeschichte sind viele beteiligt, Zeitzeuginnen, Nachkommen, lokale Initiativen, Forschende und Gedenkstätten, und schon die Quellen sind ungleich verteilt, weil Täter dokumentiert und vernichtet haben, während Betroffene ihre Erfahrungen oft nicht festhalten konnten. Kollaborative digitale Erinnerungsräume gibt es schon lange, und Mayr zeigte an Beispielen wie Houshamadyan zum armenischen Leben im Osmanischen Reich, dem Prisons Memory Archive zum Nordirlandkonflikt oder Jewish Places des Jüdischen Museums Berlin, wie unterschiedlich die Frage beantwortet wird, wer beitragen darf, wer einordnet und wer entscheidet. Kaum zu finden seien allerdings Räume, die bewusst für Gemeinschaften mit ganz unterschiedlichen Perspektiven gemacht sind. Genau hier setzt das im letzten Jahr gestartete Projekt „Connecting Memories“ zur NS-Zwangsarbeit in Niederösterreich an, eine Kooperation mit dem Institut für jüdische Geschichte Österreichs und dem Wiener Wiesenthal Institut. Entstehen soll eine transnationale Citizen-Science-Gemeinschaft mit einer Plattform, die private Quellen, Objekte und Erinnerungen sichert und zugleich den Austausch zwischen Nachkommen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der lokalen Bevölkerung, Archiven und Forschenden ermöglicht, gemeinsam mit Citizen Scientists gestaltet und ergänzt um Workshops und Begegnungstreffen vor Ort. Das Idealbeispiel dazu: Ein Nachkomme lädt die Erinnerungen seines Vaters hoch und fragt nach, jemand vor Ort sucht daraufhin im Gemeindearchiv, findet Fotos und schreibt ein kleines Dossier darüber, was dort eigentlich passiert ist. Die Herausforderungen verschwieg Mayr nicht, von Datenqualität, Datenschutz und Sprachbarrieren bis zu der Frage, wer bei Fakten und persönlichen Erinnerungen die Autorität hat. Und, ein Punkt, der mir nach dieser Woche besonders hängen geblieben ist: Solche Projekte brauchen Nachhaltigkeit, gerade wenn sie von befristeter Forschungsförderung abhängen.

Daniel Burckhardt und Nina Zellerhoff vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam stellten mit „Doing Oral History“ die Interviewbestände des Zentrums vor. Ihr Ausgangspunkt hat mir gut gefallen: Statt immer neuer Formate wie Hologrammen oder Chatbots, die in den letzten Tagen ja auch Thema waren, setzen sie auf das, was schon da ist. Zum einen gibt es das „Archiv der Erinnerung“, für das Mitte der 1990er Jahre 78 Interviews mit Überlebenden der Shoah aus Berlin und Brandenburg aufgezeichnet wurden. Sechs davon gab es schon damals in gekürzter Fassung mit Begleitmaterial für Schulen, bislang allerdings auf VHS und DVD, im November sollen sie digital erscheinen. Zum anderen gibt es mehrere Sammlungen zu jüdischem Leben in der DDR, die seit einem Jahr im Portal „Jüdische Geschichten in der DDR“ nach und nach online gehen. Zentral ist für beide das Transkript, ausgezeichnet in TEI, einschließlich Lachen, Pausen und Auslassungen, sowie Personen, Orten und Organisationen, über die sich die Interviews auch mit anderen Projekten des Hauses verknüpfen lassen. Warum nicht einfach eine bestehende Plattform wie Oral-History.Digital? Weil die Interviews dort meist nur nach einer Registrierung zugänglich sind, und damit, so ihre Erfahrung, verliert man mindestens 90 Prozent der Interessierten. Genauso wichtig wie der Zugang ist ihnen die Einordnung: Die fast 30 Jahre alten Unterrichtsmaterialien werden digitalisiert und behutsam aktualisiert, und für die DDR-Interviews entsteht ein Handbuch mit zehn großen Themenfeldern, von Demografie und Restitution über Gemeinden und Erinnerungskultur bis zum Alltag, ganz ähnlich wie bei der Enzyklopädie zu den Sinti und Roma vom Vortag.

Zum Schluss stellten sie noch den Teil einer Kollegin vor, die nicht vor Ort sein konnte. In einem neuen Projekt zu aktuellem Antisemitismus sollen in den nächsten drei Jahren Bildungsmaterialien entstehen, die Interviews über jüdische Biografien in Geschichte und Gegenwart für die Schule erschließen. Das Grundproblem: Jüdisches Leben wird im Unterricht oft exotisiert und fast nur als Verfolgungsgeschichte behandelt. Zeitzeugeninterviews werden gern wegen ihrer emotionalen Wirkung eingesetzt, die Einordnung in die Gesamtgeschichte kommt dabei aber oft zu kurz, und dass Interviews mit Überlebenden ein eigenes, teils verzerrtes Bild vermitteln, weil die meisten europäischen Jüdinnen und Juden eben nicht überlebt haben, gerät leicht aus dem Blick. Spannend fand ich die Beobachtung aus einem ersten Workshop: Gerade ältere Aufnahmen, wie ein Interview aus dem Jahr 1990, wirken heute fremder und machen es dadurch leichter, auch das Interview selbst als historische Quelle zu betrachten, mit seinem Stil, seiner Aufnahmesituation und seiner eigenen Geschichte.

Zum Schluss präsentierte Stefan Leicht vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin mit „Analyse und Mapping von Holocaust-Tagebüchern“ das deutsch-französische Projekt H-DIARIES. Ziel ist eine mehrsprachige Datenbank jüdischer Tagebücher aus der Zeit der Verfolgung, in der die Texte mit ausführlichen Metadaten erfasst, die Wege der Schreibenden kartiert und die Einträge inhaltlich ausgewertet werden. Dass es gerade Tagebücher sind, hat einen guten Grund: Anders als Autobiografien oder Memoiren, die im Rückblick und mit dem Wissen um den Ausgang geschrieben sind, halten Tagebücher den Alltag fest, ohne zu wissen, wie die Geschichte weitergeht, mit allen Wiederholungen und Widersprüchen. Erste Auswertungen zeigen zum Beispiel, dass sich je nach Sprache, in der geschrieben wurde, die Länge und der Charakter der Einträge unterscheiden. Am Ende stand eine selbstkritische Überlegung, die gut zu den anderen Vorträgen des Panels passte: In Karten und Visualisierungen werden Menschen schnell zu bloßen Datenpunkten. Für die Analyse ist das nützlich, nach außen hin muss man aber Wege finden, die Individualität der Schreibenden sichtbar zu halten. Als Anregung nannte Leicht das kanadische Projekt „Tied in Knots“ der Ontario Tech University, das über 2.000 Erfahrungsberichte zu sexueller Belästigung an Hochschulen so visualisiert, dass hinter den Daten die einzelnen Menschen erkennbar bleiben.

In der gemeinsamen Diskussion fasste Anne Klammt zusammen, was die drei Vorträge verband: Es ging überall um Stimmen, die bisher kaum gehört wurden, und darum, Betroffene von Gewaltgeschichte wieder als Personen wahrnehmbar zu machen. An das Moses Mendelssohn Zentrum ging die Frage, ob man nicht auch das Audio selbst auswerten könnte, etwa Pausen oder emotionale Momente. Die Transkripte werden dort tatsächlich gerade mit Spracherkennung neu erstellt, was gut funktioniert, und auch eine Pausenerkennung wäre ein möglicher nächster Schritt. Aus dem Publikum kam dazu allerdings eine Warnung: Eine KI deutet schnell jede Pause als emotional, dabei denkt jemand vielleicht nur über ein Datum nach. Besonders nachdenklich gemacht hat mich ein weiterer Beitrag zu den Interviews aus den 1990er Jahren. Sie seien heute oft unangenehm anzuschauen, weil die Interviewten regelrecht auf den Stuhl gesetzt würden, um ihre Geschichte abzuliefern, und wer immer wieder interviewt werde, erzähle mit den Jahren eine zunehmend optimierte, auf Wirkung angelegte Fassung. Dazu kommt, dass ältere Aufnahmetechnik auf heutige Zuschauerinnen und Zuschauer schnell befremdlich wirkt. Das Team bestätigte, dass es genau diese Entstehungskontexte mit darstellen will, etwa bei den DDR-Interviews, die für einen Film entstanden und entsprechend kürzer und zugeschnitten sind.

Wrap Up und Abschied

Zum Abschluss kamen dann alle noch einmal zusammen. Drew Thomas bedankte sich für die Tagungsorganisation bei den Partnern und Förderern, beim Organisationskomitee und ganz ausdrücklich bei den studentischen Hilfskräften, die man die ganze Woche im Foyer herumflitzen und Posterwände aufbauen sah, und wünschte allen, dass die Ideen und Kontakte aus Salzburg über den Tag hinaus weiterwirken. Werner Scheltjens dankte im Namen der AG Digitale Geschichtswissenschaft für das Programm und die angenehme Atmosphäre und übernahm dann einen besonders schönen Programmpunkt: Der nächste Tagungsort wurde nicht einfach verkündet, sondern musste vom Publikum anhand von Hinweisen erraten werden. Die Auflösung: 2028 geht es nach Dresden, und dort soll der Schwerpunkt auf Lehren und Lernen liegen, also auf der Frage, wie zukunftsorientierte Lehre in so dynamischen Zeiten aussehen kann, und zwar ausdrücklich gemeinsam mit Studierenden, die alle bitte mitbringen sollen.

Stadtrundgang: Erinnerungskultur in Salzburg

Nach der Verabschiedung ging es noch auf einen Rundgang zur Erinnerungskultur in Salzburg mit Robert Obermair, der ausgezeichnet war. Gleich die erste Station lag nur ein paar Meter vom Tagungsort entfernt: ein stilisierter Regenbogen, wie er an vielen Stellen in der Stadt zu finden ist. Er erinnert an die „Rainbow Division“, die 42. US-Infanteriedivision, die in Salzburg als die Befreier der Stadt im Gedächtnis geblieben ist. Ganz zutreffend ist das allerdings nicht, denn die Division kam erst, als die Stadt bereits von anderen alliierten Truppen besetzt war. Sie ist aber geblieben und hat deshalb einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Am Residenzplatz fand am 30. April 1938 die Bücherverbrennung statt. Spannend fand ich, dass es im ohnehin sehr konservativen Salzburg gar nicht so einfach war, „passende“ Bücher zu finden, sodass am Ende vor allem Werke christlicher Autoren und kirchliche Schriften verbrannt wurden. Das Mahnmal dazu steht nicht auf dem Platz selbst, sondern am Rand, was durchaus umstritten war, denn der Residenzplatz ist eben auch Festplatz der Stadt. Obermair sah darin aber auch einen Vorteil, und das hat mich überzeugt: Das Mahnmal ist ein flacher Granitblock mit einer Glasplatte, unter der ein stilisiertes Buch zu sehen ist, und sieht damit aus wie eine Bank. Und es steht an der einzigen Stelle des sonst baumlosen, im Sommer brütend heißen Platzes, an der zwei Bäume Schatten spenden. Die Leute setzen sich also hin, und erst wenn sie einen Moment sitzen, bemerken sie, worauf sie eigentlich sitzen. Ich glaube, so gehen tatsächlich mehr Menschen mit dem Wissen weg, dass hier etwas passiert ist, als wenn das Mahnmal mitten auf dem Platz stünde.

An einem anderen Haus erinnert eine Tafel daran, dass es 1944 durch Bomben zerstört und 1955 wiederaufgebaut wurde. Dazu erzählte Obermair, wie sicher sich Salzburg lange gefühlt hat. Es gab zwar immer wieder Fliegeralarm, aber eben immer nur Fehlalarme, und es hielt sich hartnäckig die Geschichte, Winston Churchill, der tatsächlich einmal in der Gegend zur Kur gewesen war, habe angeordnet, die schöne Stadt zu verschonen. Als dann der erste echte Angriff kam, gingen viele gar nicht erst in die Luftschutzräume, und dieser erste Angriff forderte mehr Todesopfer als alle späteren zusammen.

Besonders hängen geblieben ist mir die Geschichte der Gedenktafel für Theodor Herzl, den späteren Begründer des politischen Zionismus, der als junger Jurist am Salzburger Gericht tätig war. Lange zitierte die Tafel nur den ersten Teil seines Satzes, dass er in Salzburg einige der glücklichsten Stunden seines Lebens verbracht habe. Dass er weiter schrieb, er wäre gern geblieben, wäre aber als Jude nie zum Richter befördert worden, ließ man einfach weg. Die Stadt wehrte sich lange gegen eine Änderung, und als die vollständige Fassung schließlich auf Anordnung von höherer Stelle angebracht werden musste, landete sie nicht mehr am Gerichtsgebäude, sondern an einem unauffälligen Haus auf der anderen Seite des Platzes. Formal ist die Vorgabe damit erfüllt, wahrgenommen wird die Tafel dort aber deutlich weniger.

Die letzte Station war die Jahnturnhalle. Der Turnerbund stand dem Faschismus und später dem Nationalsozialismus sehr nahe. An der Fassade hängt ein Relief mit zwei Turnern, die einen Kreis bilden, und links und rechts davon wurden nach dem Krieg, noch während der Besatzungszeit, Bronzesäulen mit der Inschrift „Unsere Ehre heißt Treue“ angebracht, eine kaum zu übersehende Anspielung auf den Wahlspruch der SS. Entfernt haben das weder die Amerikaner noch spätere österreichische Regierungen. Nach einigem Druck kam lediglich eine kleine Tafel hinzu, in der sich der Turnerbund von Totalitarismus, Rassismus und Antisemitismus distanziert, angebracht etwa auf Kniehöhe, hinter einem Zaun und einem Radweg, sodass man sie kaum lesen kann.

Dieser Eindruck zog sich durch den ganzen Rundgang: Österreich hat sich teils spät, teils gar nicht mit der eigenen faschistischen und nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt und sich nach dem Krieg lange als „erstes Opfer“ verstanden. Dazu passt auch ein Stolperstein für Franz Rehrl. Er war bis 1938 Landeshauptmann, wurde von den Nationalsozialisten abgesetzt, 1944 verhaftet und starb 1947 an den Folgen der Haft. Zugleich war er aber selbst ein Vertreter des austrofaschistischen Ständestaats. Ihn in einer Reihe mit jüdischen Opfern, Sinti und Roma und den anderen Opfergruppen zu sehen, hinterlässt schon ein bitteres Gefühl.

Fazit

Wenn ich auf den letzten Tag zurückblicke, dann ging es eigentlich immer darum, was sichtbar wird und was nicht. Die Editionen im ersten Panel haben Varianten und Überarbeitungen nicht geglättet, sondern sichtbar gemacht, ob die zwei Fassungen von Mozarts g-Moll-Sinfonie oder die gestrichenen Passagen in den Memoiren der Gräfin Schwerin. Im zweiten Panel ging es um Stimmen, die lange kaum gehört wurden, und darum, Menschen nicht zu bloßen Datenpunkten werden zu lassen. Und der Stadtrundgang hat ganz analog gezeigt, wie sehr Erinnerung davon abhängt, wo und wie etwas platziert wird: ob ein Mahnmal dort steht, wo Menschen sich hinsetzen, oder eine Tafel dort hängt, wo niemand hinschaut. Das passt gut zu dem, was mich schon am Mittwoch beschäftigt hat, dass es manchmal ehrlicher ist, Lücken zu zeigen, statt sie zu füllen. Und bei allem KI-Einsatz, über den diese Woche so viel gesprochen wurde, blieb die Botschaft am Ende dieselbe: Prüfen, übersetzen und einordnen müssen immer noch Menschen.

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