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Daten, Lücken und Geschichten
Daten, Lücken und Geschichten – der zweite Konferenztag
Der zweite Konferenztag war für mich ein richtiger Marathon: vier Panels und am Abend noch die Keynote. Den Großteil des Tages habe ich im Hörsaal 381 verbracht, wo es unter dem Thema „Vermitteln“ um digitale Sammlungen, Museen und Bilder ging. Erst am Nachmittag bin ich für das Panel zum digitalen Holocaustgedenken in den Hörsaal 380 gewechselt.
Panel 3.1: KI und Geschichtsvermittlung
Los ging es mit dem Panel „Digitale Sammlungen, Metadaten und Quellenkritik“, moderiert von Joëlle Weis aus Trier. Christine Bartlitz und Nina Neuscheler vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam machten den Anfang mit „Digitale Präsentation von Quellen in Open-Access-Publikationen: Potenziale und Grenzen“. Anhand von zwei Fallstudien, einer Netzwerkanalyse früher Webmaterialien und einer KI-gestützten Videoanalyse, ging es um neue Formen, Quellen in digitalen Publikationen zu präsentieren, und um die Grenzen von KI-Werkzeugen wie Sprach- und Bilderkennung.
Verena Lorber von der Universität Linz stellte in „Potenziale und Perspektiven: Digitale Editionen als interaktive Forschungs- und Vermittlungsräume“ die Franz und Franziska Jägerstätter Edition vor. Franz Jägerstätter wurde 1943 wegen seiner religiös begründeten Verweigerung des Wehrdienstes hingerichtet. Die Edition umfasst rund 400 Dokumente mit etwa 1.000 Seiten und richtet sich an die Forschung ebenso wie an Schulen, die außerschulische Bildung und einfach interessierte Erwachsene. Neben dem Faksimile gibt es eine diplomatische Umschrift, die Schreibweisen und Korrekturen bewahrt, und eine normalisierte Lesefassung. Besonders hängen geblieben ist mir ihr Hinweis, wie oft einzelne Jägerstätter-Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden und dann viel eindeutiger wirken, als sie im Entstehungsprozess eigentlich waren. Die digitale Edition erlaubt es dagegen, jederzeit zum Original zurückzukehren und nachzuvollziehen, wie eine Formulierung entstanden ist. Für Lorber ist das Interface deshalb nicht bloß Verpackung, sondern selbst Teil der wissenschaftlichen Argumentation, und eine Edition sollte nicht nur maschinen-, sondern auch menschenlesbar sein. In einem Vermittlungsprojekt [Projektname prüfen] arbeiten Schülerinnen und Schüler mit den Dokumenten zum jungen Jägerstätter, vergleichen sie mit Aussagen aus der Forschung und überlegen, welche Fragen die Quellen eben nicht beantworten können. Ihr Fazit: Die Edition allein ist noch keine Didaktik.
Maximilian Reimann vom Deutschen Museum widmete sich unter dem Titel „Zwischen Materialität und Metadaten: Das digitale Sammlungsobjekt als historische Quelle“ der Frage, wie aus digitalen Objektsammlungen echte Forschungsdaten werden. Sein Einstieg war das Modell einer Maschine, in dessen Datensatz sich die Angaben mal auf das Modell, mal auf das Original beziehen, ohne dass das immer erkennbar wäre. Sammlungsdaten sind eben über Jahrzehnte als interne Inventar- und Arbeitsdaten gewachsen und nicht als Forschungsdaten angelegt worden. Trotzdem, oder gerade deshalb, lässt sich mit ihnen viel anfangen, und das zeigte er an einigen Showcases zum Portal „Deutsches Museum Digital“: Wie alt sind Objekte, wenn sie ins Museum kommen? Woher stammen sie? Wann wird Kunststoff als Material wichtiger? Mein Lieblingsbeispiel war Japan, das in einer Auswertung der Herstellungsorte plötzlich auffällig prominent erschien. Die schöne technikgeschichtliche Erzählung, die sich da anbot, löste sich beim genaueren Hinsehen allerdings auf: Grund war eine einzelne Sammlung von Rechenschiebern und Rechenscheiben. Die Daten erzählen also mindestens genauso viel über die Sammlung wie über die Geschichte. Reimann wünschte sich deshalb, solche Auswertungen über viele Museen hinweg vergleichen zu können, etwa über Linked Open Data, und lud ausdrücklich dazu ein, mit den offen verfügbaren Daten zu arbeiten.
In der Diskussion griff Horst Kemper von der Bayerischen Staatsbibliothek genau diesen Punkt auf: Wie behält man im Fach überhaupt den Überblick darüber, wo spannende Forschungsdaten wie der auf Zenodo veröffentlichte Datensatz bereitstehen? Denn wer gar nicht weiß, dass es sie gibt, wird sie auch nicht nutzen. Eine Frage, die mich den ganzen Tag über begleiten sollte.
Panel 4.2: Museen, Interfaces und Storytelling
Nach der Kaffeepause ging es weiter mit dem Panel „Museen, Interfaces und Storytelling“, moderiert von Elisabeth Gruber. Sarah Kiszter und Daniel Modl vom Universalmuseum Joanneum in Graz gaben mit „Digitale Kulturvermittlung am Universalmuseum Joanneum anhand von Beispielen aus der Archäologie“ einen Einblick in die Praxis des Archäologiemuseums in Schloss Eggenberg. Dort werden rund 1.250 Objekte gezeigt, bewusst ohne Rekonstruktionen oder Karten, damit die Objekte für sich wirken. Digitale Angebote gibt es deshalb vor allem im Rahmen von Sonderausstellungen. Am einfachsten und günstigsten sind 3D-Scans, etwa vom Strettweger Kultwagen, die die Besucherinnen per QR-Code von allen Seiten betrachten können, auch von unten, wo man an der Vitrine sonst nicht hinkommt. Spannend fand ich die Zahlen dazu: In fünf Monaten haben rund 8,3 Prozent der Besucherinnen und Besucher dieses Angebot genutzt, das kostenlose Begleitheft dagegen etwa doppelt so viele. Kiszter relativierte das allerdings gleich selbst, denn fast niemand kommt allein ins Museum, und wenn eine Person den Code scannt, schauen meist mehrere mit.
Mein Highlight des Vortrags war die digitale Rekonstruktion von Graz um 1700, die als Kurzfilm läuft. Dahinter stecken über 1.000 Arbeitsstunden eines Entwicklers in der Unreal Engine, historische Stiche, Geodaten der Stadt und die Expertise von Stadtarchäologen und Stadthistorikern, allein rund 20.000 Fenster und Türen mussten gesetzt werden. Die häufigste Reaktion des Publikums war trotzdem: „Das hat doch die KI gemacht.“ Das Team hat das zum Anlass genommen, das wissenschaftlich basierte Modell von einem Bildgenerierungsmodell „verschönern“ zu lassen, mit der ausdrücklichen Anweisung, an der Architektur nichts zu verändern. Auf den ersten Blick sah das Ergebnis tatsächlich lebendiger und realistischer aus, auf den zweiten wimmelte es von Fehlern: ein Geist, der aus dem Glockenturm schwebt, Soldaten, die eher aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zu stammen scheinen, eine Dreifaltigkeitssäule, die zur Straßenlaterne des 19. Jahrhunderts wird, und, Kiszters erklärter Liebling, ein Samurai auf dem Grazer Hauptplatz. Heute zeigt das Museum beide Fassungen nacheinander. Als Archäologin, so Kiszter, kenne sie bislang keine einzige allein von KI generierte Rekonstruktion, die korrekt gewesen wäre.
Ebenso aufschlussreich war der Blick auf ein EU-Projekt, in dem in acht Ländern des Donauraums dieselbe Ausstellung mit VR-Zeitreisen zu archäologischen Landschaften gezeigt wurde. Die Evaluation mit über 4.600 Antworten fiel sehr positiv aus, rund neun von zehn Befragten bevorzugten digitale Angebote und hatten das Gefühl, mehr gelernt zu haben. Dauerhaft eingesetzt wird VR am Joanneum trotzdem nicht, denn die Brillen müssen betreut werden, Gruppen müssen geteilt werden, und Menschen mit Behinderung oder eingeschränkter Mobilität sind schnell ausgeschlossen. Daniel Modl stellte abschließend noch eine App für Rundgänge zu archäologischen Fundstellen und eine Datenbank zur Untersteiermark vor, die zwar sehr positiv aufgenommen, aber fast nur von Fachleuten genutzt wird. Ein ziemlich ernüchterndes Ergebnis angesichts des Aufwands.
Ganz anders, nämlich ausgesprochen theoretisch, begann der Vortrag „Erlebbarmachung der Baugeschichte der Häuser im Salzburger Freilichtmuseum“ von Eugen Unterberger (Universität Salzburg) und Michael Span (Salzburger Freilichtmuseum). Unterberger beschrieb ein Dilemma, das wohl jedes Museum kennt: Füllt man die Lücken des Archivs mit Fiktion, verliert man seine Glaubwürdigkeit, Stichwort „Disneylandification“. Hält man sich dagegen nur an das, was belegt ist, entsteht ein verzerrtes Bild, denn Mägde, Knechte oder Menschen, die als Arbeitskräfte zugewandert sind, haben in den Quellen kaum Spuren hinterlassen. Von Alessandro Manzoni über Carlo Ginzburgs Mikrogeschichte bis zu Saidiya Hartmans „Critical Fabulation“ spannte er den Bogen zu einer relationalen Erzähltheorie. Digitale Technik soll in diesem Verständnis nicht fertige Wahrheiten abbilden, sondern ein Versuchslabor sein.
Der Prototyp dazu ist ein Netzwerk aus „narrativen Fetzen“, zwischen denen Besucherinnen und Besucher ihren eigenen Weg wählen können. Die Expertinnen und Experten setzen den Rahmen, das Klickverhalten der Nutzenden verändert aber die Gewichtung der Verbindungen und zeigt so, welche Geschichten überhaupt ankommen. Ob dabei am Ende tatsächlich ein gemeinsam ausgehandelter Erzählraum entsteht oder sich doch wieder eine einzige Standardroute durchsetzt, ist für das Team ausdrücklich ein offenes Experiment. Michael Span brachte schließlich die Museumsperspektive ein: Das Freilichtmuseum gibt es seit 1984, auf 50 Hektar stehen rund 100 historische Gebäude, und zu jedem einzelnen gibt es weit mehr Wissen, als sich je vermitteln ließe, von der Bau- und Wirtschaftsgeschichte bis zu 15 Generationen von Bewohnerinnen und Bewohnern in 450 Jahren. Seine Pointe hat mir besonders gefallen: Mehr Information macht ein Museumserlebnis nicht automatisch besser. Statt Lücken mit KI-Avataren oder Fabulation zu füllen, sollte man sie lieber sichtbar machen und zum Thema machen. Museen seien eben auch Orte, an denen man Fragen stellt, Ambiguität aushält und Raum für Diskussion lässt.
Den Abschluss des Panels bildete „Von der Datensammlung zum narrativen Erlebnis“ über die Plattform „Salzburger Regionalmuseen Online“. Im Land Salzburg gibt es rund 140 Museen, gut 100 davon sind Regionalmuseen, die von Vereinen oder Gemeinden getragen werden und oft an einzelnen engagierten Personen hängen. Schon Anfang der 2000er Jahre wurde deshalb eine einheitliche Inventarisierung begonnen, damit diese Bestände gesichert sind. Nach einer ersten, schnell veralteten Online-Datenbank entstand gemeinsam mit der Universität für Weiterbildung Krems eine neue Plattform mit einer 3D-Zeitleiste, in der man spielerisch durch die Objekte navigiert, eingesprochenen thematischen „Geschichten“ und einer Sunburst-Darstellung nach Systematik. In den Nutzertests zeigte sich, dass vor allem ein gutes Onboarding und verständliche Begriffe gefehlt hatten, und die Geschichten gelten immer noch als zu lang. Der Satz, den ich mir notiert habe: Gute Daten sind eine Voraussetzung, aber sie sind keine Vermittlung. Und nach 25 Jahren ist die Digitalisierung der Regionalmuseen noch lange kein abgeschlossener Prozess.
In der Diskussion kam die Frage nach der tatsächlichen Nutzung auf. Die Antwort passte zu dem, was schon aus Graz zu hören war: Kaum jemand findet die Plattform zufällig über eine Suchmaschine, die meisten kommen über Aussendungen und Kampagnen des Landesverbands. Besonders gut fand ich die Frage einer Besucherin, der in Museen oft gerade das Überblickswissen fehlt, um die vielen Einzelgeschichten überhaupt einordnen zu können. Statt immer kürzerer Texte wünschte sie sich eher die Wahl zwischen Grundlagen und Vertiefung. Vom Podium kam darauf die Antwort, dass die Textlänge gar nicht das eigentliche Problem sei, schließlich folgen Menschen stundenlang Serien wie „Breaking Bad“. Storytelling sei nicht der Inhalt selbst, sondern das Transportmittel, mit dem man ihn aufbereitet.
Panel 5.2: Bilder und Materialität analysieren
Am Nachmittag stand im Panel „Bilder und Materialität analysieren“, moderiert von Grazia Prontera, das Bild als Quelle im Mittelpunkt. Elisabeth Gruber von der Universität Salzburg (IMAREAL) bezeichnete ihren Beitrag „Materiality of Charity“ selbst als Werkstattbericht. Als Mediävistin arbeitet sie sonst vor allem mit schriftlichen Quellen zu spätmittelalterlichen Spitälern, mit Urbaren, Stiftungsurkunden und Rechnungen, etwa zum Salzburger Bürgerspital. Hier wollte sie wissen, was strukturiert erfasste Bilddaten aus der Datenbank REALonline zu diesem Thema beitragen können. Ausgangspunkt waren die Werke der Barmherzigkeit und die heilige Elisabeth von Thüringen, die in vielen Spitalskirchen dargestellt wird, und die Frage, mit welchen „Markerobjekten“ diese Handlungen verbunden sind. Mein Lieblingsbefund: Elisabeth verteilt auf den Bildern häufig ein spitzovales Weißbrot. Das war aber kein Alltagsbrot für Arme, sondern ein teures Brot, das eigentlich höheren Schichten vorbehalten war. Daraus ergibt sich die Frage, für wen diese Bilder eigentlich gemacht waren, wohl eher für Stifter und Eliten als für die Bedürftigen, zumal Spitäler immer auch Kredit- und Kapitalinstitute der Eliten waren.
Isabella Nicka, ebenfalls von der Universität Salzburg, beschäftigte sich mit „Bildimmanente (Inter-)Materialität und Datenvisualisierung“. An zwei Fallstudien ging es darum, wie Visualisierungen dabei helfen können, dargestellte Materialien über viele mittelalterliche Bilder hinweg zu vergleichen und dann wieder zum einzelnen Werk zurückzukehren, und welche Annahmen solche Visualisierungen unbemerkt mitbringen.
Martin Schmitt von der Universität Paderborn stellte mit „Computerikonen: Die Darstellung digitaler Kulturen in einfachen grafischen Formen digital untersuchen“ ein Projekt zu Computerkarikaturen vor, das aus einem internationalen Netzwerk entstanden ist. Karikaturen tauchen überall auf, in Zeitungen, auf Bürotüren, in „PC für Dummies“, und sie geben einen Blick von unten auf die Geschichte der Digitalisierung frei. Weil es davon nicht ein paar, sondern Millionen gibt, will das Projekt sie als serielle Massenquelle erschließen. Den Grundstock bildet eine Sammlung, die eine Kunsthistorikerin einst für ein Computermuseum angelegt hat, vor allem westdeutsche Karikaturen von den 1960er bis in die 1990er Jahre. Ausgewertet werden sie mit einem Vision-Language-Modell, das, angelehnt an Panofskys Dreistufenmodell, für jedes Bild genau 50 Schlagworte in fester Reihenfolge liefert, vom Format über die Frage, ob überhaupt ein Computer zu sehen ist, bis zu Natur, Text und Emotionen. Bei der Auswertung zeigte sich zum Beispiel, wie häufig Natur in Computerkarikaturen vorkommt, oft nur als Hintergrund, aber auch als virtuelle Natur im Computer, dazu Tiere als Computernutzer und das Motiv des Ikarus. Wichtig war Schmitt die Werkzeugkritik, etwa bei sexistischen Karikaturen von Sekretärinnen, die durch das Modell wegen Unangemessenheit gleich ganz blockiert werden. Und ganz nebenbei: Auch die eigenen Definitionen werden plötzlich fragwürdig, wenn man einem Modell erklären muss, was eigentlich ein Computer ist.
In der Diskussion ging es unter anderem darum, wie iterativ die Arbeit mit solchen Modellen ist. Prompts müssen immer wieder angepasst werden, spätestens wenn ein Modell-Update kommt, und der Prozess sei letztlich auch ein hermeneutischer. Gruber wurde gefragt, ob die Bilder nicht doch auch ein breiteres Publikum ansprechen sollten. Ihre Antwort: Das sei noch offen, die Verwaltungsüberlieferung zeige die Versorgung als Grundlage, aber alles rund um Stiftungen und Kapital weise auf eine ganz andere soziale Ebene.
Panel 6.1: Digitales Holocaustgedenken I – Infrastrukturen und Repräsentation
Das letzte Panel des Tages moderierte Martin Schmitt. Sarah Kleinmann von der Universität Heidelberg und Brigitte Grote von der Freien Universität Berlin stellten in „Online-Enzyklopädien als digitale Strategien in marginalisierten Forschungs- und Bildungskontexten“ die Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa vor. Nach 1945 gab es lange weder Anerkennung für die Opfer noch Forschung, erst die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma hat das geändert. Bis heute fehlt Grundlagenforschung, und das vorhandene Wissen ist stark fragmentiert. Heute arbeiten über 120 Personen aus vielen europäischen Ländern daran mit. Die Artikel erscheinen nach und nach, sind vielfach untereinander verknüpft und erklären auch die Sprache des Verfolgungsapparats. Biografien von Verfolgten, Ermordeten und Überlebenden stehen gleichberechtigt daneben. Eine europäisch vergleichende Chronologie und Karten, etwa zu Massakern im besetzten Osteuropa, gibt es in dieser Form bislang weder gedruckt noch digital. Technisch basiert das Ganze auf dem Open Encyclopedia System, das offen, community-getrieben und ursprünglich aus der Online-Enzyklopädie zum Ersten Weltkrieg „1914-1918-online“ hervorgegangen ist. Versionierung, persistente Identifikatoren, Peer Review und einzeln lizenzierbare Inhalte gehören ebenso dazu wie ein geschützter Bereich für besonders sensible Inhalte, der gerade entsteht.
Im zweiten Vortrag „Verknüpfte Daten als epistemischer Mehrwert in den Digital Humanities: Das Beispiel der Lager im Zweiten Weltkrieg“ stellte Anne Purschwitz vom Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt die Arbeit mit FactGrid vor. Zum nationalsozialistischen Lagersystem fehlt es nicht an Daten, im Gegenteil: Es gibt unzählige Verzeichnisse und Projekte, die jeweils andere Ausschnitte erfassen und dieselben Orte unterschiedlich bezeichnen. Statt alles zu vereinheitlichen, werden in FactGrid die Aussagen aus inzwischen 21 Projekten, bis hin zu kleinen regionalen Initiativen, auf dieselben historischen Orte bezogen. Ihre Herkunft und Klassifikation bleiben dabei erhalten, die Heterogenität wird selbst zur Information. An drei Beispielen wurde deutlich, was das bringt: Die Lichtenburg, ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert, war nacheinander Männer-Konzentrationslager, Frauen-Konzentrationslager und Außenlager von Sachsenhausen, und lässt sich so als ein Ort mit wechselnden Funktionen abbilden. Das Buchenwald-Außenlager Langenstein-Zwieberge wird vom Punkt auf der Karte zum Knoten in einem Netz aus Transporten, Unternehmen und anderen Lagern. Und am Beispiel eines sogenannten Judenhauses in Halle zeigte sich, wie der Weg eines einzelnen Verfolgten zugleich Teil einer kollektiven Verfolgungsgeschichte ist. Am meisten beeindruckt hat mich die Warnung zum Schluss: Der Graph ist kein Abbild der Vergangenheit. Hinter jedem Knoten und jeder Verbindung stehen Entscheidungen, und ein Netzwerk kann vollständig aussehen, obwohl es große Lücken hat.
In der Diskussion wurde gefragt, ob es nicht ein gemeinsames Vokabular für all diese Daten bräuchte. Die Antwort: Das war einmal geplant, wurde dann aber bewusst verworfen, zugunsten der Erhaltung der Unterschiede. Auch bei der Qualitätskontrolle bleibt alles erhalten, selbst abweichende Geokoordinaten werden nicht gelöscht, sondern gewichtet. Je mehr Projekte dazukommen, desto besser wird so paradoxerweise die Qualität.
Zum Abschluss eine Keynote
Zum Abschluss des Tages ging es dann ins Sternbräu, wo bei Abendessen und Getränken die zweite Keynote auf dem Programm stand. Georg Vogeler von der Universität Graz sprach über „Digital History als Erneuerung der Sozialgeschichte?“, wobei er im Laufe des Abends ankündigte, den Titel ein wenig verändert zu haben und am Ende beim Cyborg anzukommen. Ausgehend von den Traditionen der Sozialgeschichte, von Lamprecht und den Annales über die Bielefelder Schule bis zu E. P. Thompson und der Geschichte von unten, zeigte er, wie eng Sozialgeschichte und Quantifizierung schon immer verbunden waren. Heute leben wir in einem „Age of Abundance“: Archive werden massenhaft digitalisiert, neue Quellen entstehen gleich digital, und Rechenleistung ist kaum noch ein Problem. Großen Vorhersage-Visionen wie denen von Peter Turchin oder dem Projekt „Time Machine Europe“ begegnete er mit deutlicher Skepsis, ebenso aber einer Sozialgeschichte, die nur mit Klassen und Gruppen rechnet. Sein Vorschlag ist eine „quantifizierende Kulturgeschichte“, die zwischen Distanz und Detail hin und her wechselt.
Die Beispiele dazu waren großartig. Eine Suche nach „Wein“ in einer Urkundendatenbank ergab rund 4.300 Treffer, mit einem von einem Sprachmodell erzeugten Wortfeld, das auch Begriffe wie das Burgrecht einschloss, plötzlich rund 28.000. In der englischen Herdsteuer von 1662 tauchen auffällig viele Witwen auf, und in den Randnotizen der Steuereintreiber finden sich Menschen, die verschwunden sind, Menschen, die einfach einige ihrer Herde zugemauert haben, um weniger zu zahlen, und immer wieder Armut. In Stellenanzeigen aus dem Zeitraum von 1850 bis 1950 werden Bewerberinnen und Bewerber als „tüchtig“, „brav“ und „kinderlieb“ gesucht, aber eben auch als „reinrassig“, ein Befund, der einen kurz innehalten lässt. Am Ende stand Donna Haraways Cyborg als Denkfigur jenseits der Gegenüberstellung von Mensch und Maschine. Generative KI solle man nicht wie ein Orakel befragen, sondern transparent in die eigenen Arbeitsabläufe einbauen. Dann, so Vogeler, könne sie helfen, einen hierarchiekritischen und strukturbewussten Blick auf die Quellen zu gewinnen und Menschen sichtbar zu machen, die sonst unauffällig geblieben wären. Und genau darin sei diese Cyborg-Situation eigentlich zutiefst sozialhistorisch.
Die für mich interessantesten Bemerkungen und Punkte ziehen sich wie ein roter Faden durch den Tag: Zwischen Daten und Vermittlung klafft eine Lücke, die sich nicht von selbst schließt – gute Daten sind noch keine Vermittlung, eine Edition noch keine Didaktik, ein Graph kein Abbild der Vergangenheit. Und vielleicht ist es manchmal ehrlicher, Lücken zu zeigen, statt sie zu füllen.
Links
Panel 3.2: Sammlungen, Metadaten, Quellenkritik
Panel 4.2: Museen, Interfaces, Storytelling
- Graz 1699.
- Danube’s Archaeological eLandscapes, das Interreg-Projekt mit den VR-Zeitreisen
- InterArch-Steiermark Datenbank, die „Untersteiermark-Datenbank“ aus dem Vortrag
- Kulturelles Wissen in Kontext setzen, das Projekt von Uni Salzburg und Freilichtmuseum
- Salzburger Regionalmuseen Online
Panel 5.2: Bilder und Materialität
Panel 6.1: Digitales Holocaustgedenken
- Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa
- Open Encyclopedia System
- 1914-1918-online
- FactGrid
Keynote Vogeler
- Hearth Tax Digital, die Herdsteuer-Edition aus Graz
- ANNO – AustriaN Newspapers Online, die Quelle der Stellenanzeigen


