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Zwischen Erleben und Reflektieren – der erste Konferenztag
Zwischen Erleben und Reflektieren – der erste Konferenztag
Nach dem Workshop-Montag ging es heute mit dem eigentlichen Tagungsprogramm los, und diesmal auch ganz offiziell mit Eröffnungsreden.
Im ersten Panel haben ich mich für „Games und historisches Erleben“ entschieden und so mit zwei spannenden Vorträgen in den Tag gestartet. Jan Siefert machte den Anfang mit seinem Vortrag zu „Erinnerung im Spiel: Authentizitäts- und Historizitätsansprüche in digitalen Spielen“. Und gerade seine Beispiele dafür, wie empfindlich Spieler auf historische Ungenauigkeiten reagieren können, zeigt wie relevant solche Hintergrundelemente sein können, die eher dem Worldbuilding dienen als dem eigentlichen Spiel. Als Beispiel führte er das falsche Muster von Tatamimatten in einem Spiel der Assasins Creed-Reihe von Ubisoft an. Im zweiten Vortrag „Playing with Context: Emergence and Contextuality of Player Experience in Digital Games“ von Peter Färberböck und Lukas Daniel Klausner vertieften dieses Thema nochmal, konzentrierten sich aber auch serious games. Sie zeigten auf, wie Spiele gezielt Wissen vermitteln können aber auch, wie sie die Grundlagen ihrer Quellen kommunizieren können. Gleichzeitig weisen sie aber auch auf die Konflikte zwischen historischer Wahrheit und spielerischer Zugänglichkeit hin. Sie bezogen sich dabei unter anderem auf „The Darkest Files“, ein Spiel über NS-Prozesse. Grundlage bildet die Arbeit von Fritz Bauer und echte Fallakten, die Namen der Akteure im Spiel sind dann aber fiktional. Die realen Namen wären natürlich verfügbar gewesen, die Entwickler haben sich aber bewusst dagegen entschieden.
Nach der Kaffeepause habe ich mich dann für das Panel „Immersive und interaktive Medien“ entschieden. Da ich mich in meiner Masterarbeit mit sozialen Medien beschäftige, interessiert mich besonders, wie Erinnerung in digitalen Formaten gestaltet wird und was bei den Menschen eigentlich ankommt, die diese Angebote nutzen. Genau darum ging es in allen drei Vorträgen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Christian Günther von der Bergischen Universität Wuppertal sprach über „Zwischen Authentizitätsfiktion und Reflexion: Ein gestaltungsethischer Rahmen für VR im digitalen Cultural Heritage“. In seiner Dissertation untersucht er, wie Virtual-Reality-Anwendungen zur Geschichte des Nationalsozialismus Authentizität herstellen und wie Nutzerinnen und Nutzer diese wahrnehmen. Dabei unterscheidet er zwischen Authentizitätskonstruktion auf Seite der Entwickler und Authentizitätszuschreibung auf Seite der Rezipienten, und genau zwischen diesen beiden Seiten tut sich oft eine erstaunliche Lücke auf. In einem Beispiel hatten die Gestalterinnen die Inschrift über einem Lagertor bewusst weggelassen, ohne das kenntlich zu machen. Darunter lag aber die Tonspur eines Zeitzeugenberichts, in dem Dante zitiert wird. Einige Teilnehmende seiner Studie haben die fehlende Überschrift daraufhin einfach im Kopf ergänzt: Sie erinnerten sich an eine Inschrift, die es in der Anwendung gar nicht gibt. Noch deutlicher wurde das am Beispiel der VR-Anwendung „Ernst Grube – Das Vermächtnis“. Ernst Grube wurde als Kind nach Theresienstadt deportiert, hat überlebt und ist bis heute in München als Zeitzeuge aktiv. Hinter ihm sieht man in der Anwendung eine Art Collage aus Erinnerungstopoi: das Tor zur Kleinen Festung Theresienstadt, in das Gleise hineinmontiert wurden. Nur war Grube nie in der Kleinen Festung, dem Gestapo-Gefängnis, und dort führten auch keine Gleise hin. Die Studienteilnehmenden haben das Bild trotzdem sofort eingeordnet und direkt mit Auschwitz-Birkenau, Deportation und Konzentrationslager verknüpft. Günther geht es deshalb nicht allein um die Frage, ob einzelne Elemente historisch belegt sind, sondern darum, welche Bedeutung durch Auswahl, Montage und Inszenierung entsteht und welche Deutungsmuster dabei aktiviert werden. Ähnliches zeigte sich auch in einer Anwendung mit Margot Friedländer, in der wieder Lagertor, Gleise und Geräusche zusammengeführt werden.
Aus seiner Forschung leitet er drei Gestaltungsprinzipien ab. Erstens editorische Transparenz: Nutzerinnen sollen jeden Schritt der Entstehung nachvollziehen können und für einzelne Elemente einen Nachweis erhalten, was technisch durchaus lösbar wäre. Zweitens atmosphärische Reflexivität: In der Anwendung „Blackbox“ wurde Rot als Orientierungsfarbe gewählt, um sich im labyrinthischen VR-Raum zurechtzufinden. Die Nutzerinnen haben Rot aber natürlich mit Blut verbunden, gerade in einer Szene, in der es um einen Raum geht, in dem gefoltert wurde. Auch Atmosphäre ist also gemacht und muss reflektierbar sein. Drittens multiperspektivische Kontingenz: Die realisierte Darstellung ist immer nur eine von vielen möglichen, und das sollte auch sichtbar werden, zum Beispiel indem deutlich gemacht wird, dass auch andere Überlebendenberichte oder sogar die Perspektive des Lagerkommandanten denkbar gewesen wären. Besonders hängen geblieben ist mir seine Klarstellung, dass sich sein Modell nicht gegen Immersion an sich richtet, sondern gegen die Gleichsetzung von Immersion und historischer Evidenz. Viele VR-Inszenierungen bieten vor allem Erlebnisse, die nicht reflektiert werden und so auch nicht zu Erfahrungen werden können.
Der zweite Vortrag „Paths into – and out of – the modelling rabbit hole in digital historical research“ von Suzana Sagadin, Marcella Tambuscio und Georg Vogeler aus Graz wurde auf Englisch gehalten und kam aus einer ganz anderen Ecke, passte aber trotzdem erstaunlich gut dazu. Vorgestellt wurde das Projekt „Managing Maximilian“, das eigentlich aus sieben Teilprojekten zu ganz unterschiedlichen Aspekten der Herrschaft Maximilians I. besteht und trotzdem eine gemeinsame Datenbank braucht. Das Kaninchenloch aus dem Titel dürfte wohl jeder kennen, der schon einmal mit historischem Material gearbeitet hat: Die Quellen sind so interessant, dass man am liebsten jedes Detail erfassen möchte, und plötzlich steckt man mitten im Versuch, einfach alles zu modellieren.
Das Projekt arbeitet mit einer faktoidbasierten Prosopographie, erfasst also nicht einfach Eigenschaften von Personen, sondern Aussagen, die bestimmte Quellen über Personen und Ereignisse machen. Mein Lieblingsbeispiel des Tages: Maximilian weist seinen Kammermeister in Innsbruck an, dessen Frau freundlich zu bitten, ihm doch wieder etwas Süßes einzukochen, so wie im letzten Jahr. Im Datenmodell wird daraus eine ganze Kette aus Anweisung, Auftrag und der eigentlichen Herstellung. Inzwischen gibt es rund 130 solcher Aussagetypen. Das Problem: Eine Quelle so zu zerlegen kostet enorm viel Zeit und Denkarbeit. Ein Team von rund 20 Leuten hat in etwa zweieinhalb Jahren rund 5.000 Faktoide erfasst.
Deshalb wurde eine Pipeline auf Basis großer Sprachmodelle entwickelt, die als eine Art „Modellübersetzer“ fungiert. Sie zerlegt einen Quellentext zunächst in einzelne Aussagen, ordnet ihnen Typen zu, bildet die Beziehungen zwischen ihnen ab, überführt sie in strukturierte Daten und verknüpft Personen, Orte und Objekte mit bereits vorhandenen Einträgen in der Datenbank. Am Ende prüfen und korrigieren die Fachleute die Vorschläge, die wissenschaftliche Kontrolle bleibt also beim Menschen. Die Evaluation kann sich sehen lassen: Etwa neun von zehn Aussagen in der finalen, geprüften Fassung wurden von der Pipeline vorgeschlagen, und bei der Verknüpfung mit vorhandenen Datenbankeinträgen lagen rund 93 Prozent der Vorschläge richtig.
Marcella Tambuscio zeigte anschließend, warum sich der ganze Aufwand lohnt. Aus dem Wissensgraphen lassen sich über sogenannte semantische Mappings ganz unterschiedliche Netzwerke ableiten, etwa Kommunikationsnetzwerke, politische Interaktionen, Mobilitätsmuster oder sogar Konflikte. So ließen sich Personen danach einordnen, ob sie eher Generalisten oder Spezialisten waren und eher im Zentrum oder am Rand des Netzwerks standen. Mit Netzwerkmaßen konnte das Team außerdem nach einem inneren Kreis rund um den Kaiser suchen, der Informationen filterte. Die Botschaft: Komplexe Modelle sind nicht an sich das Problem, sondern eine Frage des passenden Workflows.
Zum Abschluss des Panels stellten Michele Barricelli und Ernst Hüttl von der LMU München das Projekt LediZ vor, in dem digitale Zeugnisse von Überlebenden der Shoah entstehen. Barricelli ordnete das Ganze zunächst historisch ein: Solche Angebote existieren nicht nur, weil es technisch möglich ist, sondern weil es schon lange ein Bedürfnis danach gibt. Interessanterweise ist die Figur des Zeitzeugen in der Geschichtswissenschaft und in der Schule erst in dem Moment so wichtig geworden, als es immer weniger von ihnen gab. Die Entwicklung reicht von den ersten analogen Aufnahmen über transportable Geräte, mit denen man die Menschen endlich zu Hause interviewen konnte, bis zu großen Videoarchiven.
Im Projekt wurden die Zeugnisse von Abba Naor und Eva Umlauf aufgenommen, die als eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz selbst kaum eigene Erinnerungen hat, aber ihre Geschichte rekonstruiert hat. Zunächst erzählen die Zeuginnen und Zeugen ihre Lebensgeschichte im Studio, denn Schülerinnen und Schüler, die Hauptzielgruppe, brauchen diese Erzählung als Grundlage, um überhaupt sinnvolle Fragen stellen zu können. Danach werden mindestens rund 1.000 Fragen beantwortet, die vor allem entlang der Autobiografien der beiden entwickelt wurden. Der langweiligste, aber technisch wichtigste Schritt ist das Training des Sprachverarbeitungssystems: Für jede Frage mussten 40 bis 60 Formulierungsvarianten eingearbeitet werden. Dabei stellte sich schnell heraus, dass Schülerinnen und Schüler ganz anders fragen als Wissenschaftler. Wo wir von Täterinnen und Tätern sprechen, sagen sie einfach „Nazis“.
Hüttl betonte ausdrücklich, dass hier keine generative KI im Einsatz ist. Das System gleicht die gestellte Frage nur mit den aufgezeichneten Fragen ab und spielt dann das passende Antwortvideo ab, es wird also nichts hinzuerfunden. Eine Hilfskraft kontrolliert regelmäßig, welche Fragen gestellt und welche Antworten zugeordnet wurden, und bessert nach. Gezeigt werden die Zeugnisse entweder in 3D im Leibniz-Rechenzentrum in Garching, mit einer mobilen Variante direkt im Klassenzimmer oder ganz einfach über den Browser. In der Live-Demo wurde Eva Umlauf dann gefragt, was sie von dem Projekt hält. Ihre Antwort, sinngemäß: Sie habe auch Bedenken, ob das wirklich dasselbe ist wie ein lebendiger Mensch, aber auch alte Filme ohne Farbe und 3D würden uns ja beeindrucken, und man solle es versuchen.
Die anschließende Diskussion war fast genauso spannend wie die Vorträge selbst. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht kam die Frage, ob es nicht eine Art Disclaimer bräuchte, schließlich seien auch Autobiografien oft viel fiktionaler, als sie verkauft werden, und Erinnerungen würden immer wieder an die eigene Identität angepasst. Dem wurde aus dem Publikum widersprochen: Für viele Verbrechen gibt es überhaupt nur die Zeugnisse der Überlebenden, und ein solcher Hinweis wäre eher kontraproduktiv. Hüttl setzt stattdessen auf Quellenkritik. Schülerinnen und Schüler fragen oft selbst, woher sie wissen sollen, dass das Erzählte stimmt, und dann kann man etwa Buch und Interview vergleichen oder zwei Zeitzeugen mit unterschiedlichen Meinungen gegenüberstellen.
Ebenfalls diskutiert wurden die Grenzen des Formats. Auf tagesaktuelle Fragen gibt es schlicht keine Antwort, und manche Antworten sind auf dem Stand der Aufnahmen stehen geblieben, etwa wenn es darum geht, welche Freunde noch leben. Außerdem fragen Schülerinnen und Schüler vor allem nach ihren eigenen Lebenswelten, also nach Familie, Freunden und Grundbedürfnissen, und eher selten nach den Leerstellen in der Erzählung. Günther ergänzte, dass Authentizität weniger eine Eigenschaft der Zeugen ist als eine Wahrnehmung der Nutzenden. Nach den Studien, die er kennt, scheint das Auditive besonders wichtig zu sein, während technische Artefakte wie Pixelfehler kaum stören. Und er sprach offen an, wie schwer es gerade für Promovierende ist, die Wirkung solcher Angebote überhaupt zu erforschen, weil Schulen mit Verweis auf Datenschutz oft schnell abwinken und die Technik an Universitäten kaum vorhanden ist.
Nach der Mittagspause stand dann der Poster Slam auf dem Programm: jeweils rund drei Minuten, um das eigene Poster vorzustellen, und die Bandbreite hätte kaum größer sein können.
Phillip Ströbel aus Zürich stellte mit AIon die Idee einer KI-basierten Anwendung vor, die sich an die Bedürfnisse der Besucherinnen anpasst, egal ob Schülerin, Archäologin oder einfach historisch interessiert, mit einer Stunde oder einem ganzen Tag Zeit. Entstanden ist die Idee ganz praktisch in Olympia, wo die Infotafeln so ausgeblichen waren, dass man nichts mehr lesen konnte. Aus Marburg kam in Reimform die Vorstellung des geplanten hessischen Kulturgutportals, bei dem neben Normdaten vor allem die Frage im Mittelpunkt steht, wen man eigentlich erreichen möchte, denn „wer will schon den falschen Kuckuck finden?“.
Lucas Haasis stellte eine Storytelling-Plattform zu einem ungeöffneten Postsack mit 98 Briefen vor, die an Bord der HMS Calcutta im Jahr 1803 geschrieben wurden, etwa die Hälfte davon von Strafgefangenen auf dem Weg nach Australien. Am Beispiel von Andrew Whitehead zeigte er, wie diese Geschichten bis in heutige australische Familien hineinreichen, weshalb das Projekt auch Interviews mit Nachfahren einbeziehen möchte. Weiter ging es mit der Evolution der Mittelhochdeutschen Begriffsdatenbank, der Materialität der Diplomatie im QhoD-Projekt zu den habsburgisch-osmanischen Gesandtschaften, DiscoThings zur Verknüpfung von Quellen zur materiellen Kultur und einem Poster von Sofia Baroncini dazu, wie Alltagsgegenstände nach dem Bevölkerungsaustausch von 1923 zur Erinnerung an die Migration der Gemeinschaft von Nea Karvali wurden, und wie sich diese Bedeutung in Metadaten überhaupt abbilden lässt.
Dazu kamen die Domkurien im Mittelalter, eine Open-Source-App von Henriette Voelker, die Fotos aus dem Archivbesuch automatisch nach Signaturen benennt und sortiert, die Rekonstruktion historischer Verwaltungsgrenzen, eine kleine Szene über Wappensiegel und weibliche Identität, der Schematismus als Wissensgraph, vorgetragen in englischen Reimen, sowie die Rechnungsbücher des Klosters Aldersbach, die von der Handschrift über Transkribus bis zum Datenmodell überführt werden. Mein persönliches Highlight war das Wiener Salonblatt, das Christian Lendl kurzerhand zum Instagram des 19. Jahrhunderts erklärte: Die Leserinnen und Leser schickten selbst Neuigkeiten und Fotos ein, wer ein neues Pferd gekauft hat, wer wen geheiratet hat oder eben nicht, und adelige Familien präsentierten dort ihre unverheirateten Töchter. Und natürlich habe ich besonders aufmerksam zugehört, als Jasmin Jalil ihr Poster zu Machtasymmetrien in erinnerungskulturellen Praktiken auf Social Media vorgestellt hat. Die Frage, welche Kompromisse Erbe und Erinnerung eingehen müssen, um in sozialen Medien „verdaulich“ zu sein, und wer dabei eigentlich die Verantwortung trägt, liegt sehr nah an meiner eigenen Arbeit.

















